LI 148, Frühjahr 2025
Bibliothek der Gefühle
Was kann Literatur, wenn sie versagt? Exkursionen im Erzähl-Archipel
Elementardaten
Genre: Literarische Betrachtung
Übersetzung: Aus dem Französischen von Beate Thill
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Textauszug
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Alle Jahrhunderte haben starke Narrative hervorgebracht. Die großen Romane haben die Problemstellungen ihrer Zeit aufgegriffen, zuweilen vorweggenommen oder enthüllt. Häufig brachten sie Bewußtseinsprozesse in Gang oder bahnten Wege ins Unmögliche, welche die Wissenschaft, aber auch die Vorstellungen der Menschen begehen konnten. Inzwischen kann man sich auf die Einteilung in Jahrhunderte verlassen, die diese großen Werke in den Rahmen einer Epoche setzen, oder jene Erfolge auflisten, die angeblich die geistige Landschaft einer bestimmten Zeit verändert haben, sowie bestätigen, daß es dieser oder jener Literatur gelungen sei, zur Humanisierung des Menschen beizutragen. Dies alles ist nützlich für die Pädagogen der Akademie oder auch für Leute, die an einer „Geschichte des Romans“ interessiert sind, aber aus der Perspektive eines Künstlers oder einer Künstlerin in der zeitlosen Weite des Schreibens ist diese Art der Betrachtung des Romans verzichtbar.
Die Literaturen gehen nicht von Jahrhundert zu Jahrhundert.
Sie strahlen von Werk zu Werk, in alle Richtungen, mit ihren Schatten, ihren Glanzlichtern, ihren Fortschritten und Rückschritten, in einem größeren Zusammenhang oder in kleinen Krümeln, wie eben eine Bewegung vorankommt, wenn sie keinen vorgezeichneten Weg hat und am Ende kein glorreicher Sieg winkt. Die Pforten der Literatur, die im Okzident, in Asien, Afrika oder in Nord- und Südamerika geöffnet wurden, stehen weiterhin offen und sind für alle zugänglich. Jede Literatur wird in einem Magma ersonnen, das aus vielen Kratern gespeist wird, mit immer neuen Ausbrüchen. In dieser Weglosigkeit sucht sich jede ihre Spur oder ahnt ihren Pfad und findet ihn dann im Weitergehen.
Christian Bobin pflegt zu sagen: „Wenn ich frische Luft brauche, gehe ich ins 12. Jahrhundert ...“
Jedes Werk löst eine Erschütterung aus, sie kann größer oder kleiner sein, ist vielleicht ganz unerwartet, oder sie war zu vermuten, erwartbar in dem großen Geflecht der Wechsel- und Rückwirkungen, das keine Begrenzungen und keinen Zeitplan hat. Für Schreibende ist die Literatur ihres Ortes etwas Lebendiges. Sie lebt ihren Tod, sie stirbt an ihrem Leben, sie verlangt Kühnheit und Mut, sie zieht sich in ihren Erfolgen zurück und bleibt lebendig noch in ihrem traurigsten Scheitern, in ihren hochfahrendsten Niederlagen. Von dieser chaotischen Blüte erhaschen die Schreibenden wie benommen ihre Beute, finden darin Pollen und Honig.
Nabokov haßte Faulkner und verachtete Genet – so wie manche Honigfliegen statt der duftenden Orangenblüten lieber die bittere Knospe einer Pflanze im Dickicht aufsuchen. Jede Künstlerin, jeder Künstler kennt wundervolle Eingebungen, gut begründete Ungereimtheiten und unglaubliche Verblendungen ...
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Virginia Woolf sagte über den Ulysses von Joyce, er sei eine glorreiche Niederlage. Borges schloß sich ihr an und zählte Finnegans Wake gleich dazu. Die Literatur ist unberechenbar, sie tritt ein und erreicht ihr schönstes Beginnen zuweilen nach unverständlichen Anfängen. Unlesbarkeiten. So besucht uns häufig die Schönheit.
Romane lassen sich nicht in Girlanden aufhängen (wie die Fischer in der Karibik ihre Sardinen trocknen), etwa an der Leine einer fortschreitenden Entwicklung, die ihre Geschichte wiedergibt und die Wirkung des Werks bewertet, wie man es in Europa praktiziert. Ein literarischer (oder einfach erzählerischer) Erfolg ist wie eine Strahlung. Er sendet Wellen aus, die sich von dem Zauber des Werkes in alle Richtungen ausbreiten. Die Strahlungswellen entstehen in Zusammenwirkung und Austausch mit den dringlichen Fragen und Problematiken, die zu dieser Zeit an einem gegebenen Ort bestehen, aber sie sind zugleich in Wechselwirkung mit den Strahlungen anderer Werke, denn ein solches Glanzstück, das einem Schreibenden gelingt, verdichtet die besondere Raum-Zeit einer Literatur.
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Die Behauptung, der Roman sei eine reine Erfindung Europas, weil dort seine Theorie entwickelt wurde, ist ein Ethnozentrismus: In allen menschlichen Erzählungen aus allen Epochen und allen Orten gibt es Keime, Blüten, Regen, Stürme, diese Modernität des Romans. Kein afrikanischer Griot, keine Schamanin des Wortes, kein Grabredner, keine Befragerin des Universums, Berichterstatterin von Wundern und kein alter kreolischer Märchenerzähler, kein Mann aus dem nomadischen Staub, Meditierer in Sand und Oasen, keiner und keinem von ihnen würden die Augen übergehen vor den Erzählspiralen eines García Márquez, nicht einmal vor dem ozeanischen Humanismus der großen russischen Autoren. Im übrigen haben die Schöpferinnen, Sängerinnen, Bildhauer, Musiker dieses Planeten in einem Tiefenstrom die bekannten Entwicklungen des Romans beeinflußt. Und ihre Besten wurden alle von diesen nebulösen Zuständen heimgesucht, die man am Ende mit „Roman“ bezeichnet hat. Auch der Fluß der ursprünglichen Erzählungen ist noch da, unauslotbar, und wir alle können ihn befahren.
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Einen Roman an der Elle einer „Europäischen Geschichte des Romans“ oder einer „Französischen Geschichte des Romans“ zu messen heißt, ihn zu mißachten und abzulösen vom Sprechen der Menschheit, von der fabelhaften erzählerischen Alchimie der Völker, Kulturen, Zivilisationen, Individuen, von allen Epochen und von allen Orten, welche dem Bewußtsein der Menschen eine Struktur gaben, zur Humanisierung des Menschen und zur Auffassung von der Unüberwindbarkeit der Kunst beigetragen haben. Cervantes, Proust, Balzac, Joyce, Kafka, Faulkner, Márquez, Yambo Ouologuem, Ubaldo Ribeiro ... haben die Menschheit nicht verändert, sie haben nur ihre Glanzlichter in den Fluß des Imaginären gegeben – ein wenig wie Leichen, Schmutz, Trümmer und heilige Gegenstände jene unbeschreibliche Suppe des Ganges bilden. Manche Hindus vollziehen darin ihre rituellen Waschungen, andere beziehen daraus intensive Erleuchtungen, und wieder andere begnügen sich damit, hineinzuspucken.
Der Roman ist also nur ein winziger Teil der großen Konstellation von Sprechen, Schreiben und erzählendem Gesang angesichts der Notwendigkeit des Überlebens und vor dem Anspruch der Schönheit. Wo ist das Meer? Wo ist der Ganges?
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Neben den Heldensagen, den Symbolen, der Magie, dem Geistigen, der Technik, hat der Mensch das Erzählen gebraucht, denn es besteht eine Glut der Existenz (am Grund des Undenkbaren der Realität), die einzig das Erzählen erraten kann. Daher muß jede Kunst notwendigerweise auf das Erzählen zurückgreifen, darin konvergieren und divergieren die Künste: aber jede Kunst ist einzeln der Dieb eines Funkens von diesem Feuer – nur er kann diesen Funken holen und ihn unterhalten, ihn in die Höhe heben. Jede Kunst ist eine unersetzliche Erzählung von Erkenntnis.
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