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Wir betrauern den Tod von Georg Baselitz († 30. April 2026)

Georg Baselitz arbeitete nach der Gründung der Zeitschrift am 26. Mai 1988 immer wieder mit Lettre International zusammen. Er gestaltete – nach Jörg Immendorff, Markus Lüpertz und A. R. Penk die 4. Nummer im Frühjahr 1989 und nahm an einigen essayistisch-künstlerischen Projekten von Lettre teil, darunter auch an der Ausstellung und dem Katalog aus Anlaß des 11. September 2001: „Der Schock des 11. September und das Geheimnis des Anderen“ im Berliner „Haus am Lützowplatz“ 2002. Erhebliches Aufsehen erregte sein spektakuläres Titelblatt Etwas Wilhelm für die Doppelnummer Lettre 81 aus Anlaß des 20. Jubiläums der Zeitschrift. Baselitz beteiligte sich 1992 auch am ersten Kunstportfolio von Lettre International

 

Empfehlen möchten wir insbesondere sein intensives Gespräch mit der Kunsthistorikerin Christine Breyhan aus dem Jahr 2024 (Lettre International 146) über seine eigene künstlerische Entwicklung: „Malen heißt Leben. Meine Figur kommt aus dem Boden, wie die Toten, die Erdgeister.“

 

 

Gesprächsauszüge:

 

(…) Christine Breyhan: Bis Sie Ihre Gestaltvorstellung verwirklichen, ringen Sie mit dem Gegenstand. Drückt sich das in der Vehemenz Ihrer Malerei und Bildhauerei aus, in Ihrer Heftigkeit, Wucht und malerischen Sinnlichkeit?

 

Georg Baselitz: Manchmal leide ich selbst ein bißchen an dem Erscheinungsbild meiner Arbeiten. Was Sie gerade ansprechen, ist ein Erscheinungsbild, das mich selbst immer irritiert, ich habe das gar nicht so gern. Ich mag das nicht so sehr, weil ich von mir selber weiß, daß ich langsam arbeite. Viele Bilder von mir leiden darunter, daß sie zu lange behandelt oder mißhandelt worden sind. Und daß sie trotzdem so aussehen, als seien sie schnell gemalt worden. Das ist ein falsches Bild. Ich versuche schon sehr lange, das zu korrigieren. Bei meinen letzten Arbeiten denke ich, daß ich das ganz gut gerade mal wieder geschafft habe, indem ich schwarze Hintergründe oder sehr wenig farbige male, indem ich diesen Schwarzweißkontrast ausnutze, indem ich Handschriftliches vermeide und gar keinen Pinsel nehme. Ich versuche dieses Erscheinungsbild zu verdrängen. Der ganze Vorgang muß effizienter werden, indem ich alle Mittel ganz genau kontrolliere: die Zeit, die Farbe, die Form, das Format. Ich denke über Dinge sehr präzise nach, wenn ich sie benutze. (…)

 

Der Künstler muß Bilder machen, durch die er sich selbst bestätigt, durch die er seine Vitalität oder sein Leben anmeldet. Er muß unentwegt Dokumente schaffen, die beweisen und belegen, daß er da ist. (…)

 

Christine Breyhan: Ich möchte Sie fragen, was Sie mit diesem Zitat aus Ihrem Pandämonium meinen: Sie schreiben über die „mächtige Verliebtheit in den sinnlosen Tod“. Tod als Voraussetzung für das nie gesehene Bild?

 

Georg Baselitz: Ich habe folgende Entdeckung zu diesem Thema gemacht. Quellen für Bilder sind auch Träume, das sind auch Erlebnisse. Ich habe herausgefunden, daß ich Bilder lieber auf dem Boden als an der Wand male. Oft ist die Leinwand so groß, daß ich sie liegend gar nicht übersehen kann, sonst müßte ich auf eine Leiter kriechen, um sie anzuschauen. Ich weiß also im großen Überblick nicht, was da passiert, wenn ich arbeite. Ich sehe die Malfläche ja nur partiell, die Entfernung vom Boden beim Arbeiten beträgt vielleicht 20 Zentimeter. Wenn ich jetzt eine Linie ziehe, die vier Meter lang gemeint ist, ich sie aber nur 20 Zentimeter überblicke und diese Linie eine Figur zeichnet, dann frage ich mich: Wo kommt diese Figur eigentlich her? Die Figur kommt aus dem Boden. Das, was ich da male, ist etwas, das sich unter dem Boden befindet. Und unter dem Boden befinden sich die Toten, die Erdgeister. (…)

 

2.540 von 46.248 Zeichen des gesamten Gesprächs. Aus: Lettre International 146, Herbst 2024 (Lettre International 146)

Cover Lettre International 81, Georg Baselitz

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